Sarah-Louisa Rohrer
ist Miss Universe Switzerland Kandidatin.
Das haus zur Grünhalde wird seit 35 Jahren betrieben.
Die Unterkunft für Obdachlose Haus zur Grünhalde in St.Gallen feierte vergangene Woche ihr 35-jähriges Bestehen. Philip Fehr (33), Leiter Sozialhilfe der Sozialen Dienste Stadt St.Gallen, erklärt im Interview, weshalb die Einrichtung heute wieder besonders an Bedeutung gewinnt.
Sozialwesen Die Zahl obdachloser Menschen in der Stadt St.Gallen ist in letzter Zeit gestiegen. Erschwerend hinzu kommt, dass das Projekt «Plan W» der Stiftung Suchthilfe, das sich präventiv für den Erhalt von Wohnungen in prekären Lebenssituationen einsetzte und Ende August auslief, vorläufig pausieren muss. Gemäss Auskunft der Stiftung ist dies auch deshalb problematisch, weil es die Stadt mehr kostet, Menschen in Notunterkünften unterzubringen, als ihnen das Wohnen in eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Langfristig seien Notschlafstellen keine Lösung für das Problem – und dennoch sind Angebote wie das Haus zur Grünhalde derzeit von grosser Bedeutung. Die aktuelle Auslastung spricht Bände. Das Haus ist bis auf das letzte Bett besetzt.
Philip Fehr, das Haus zur Grünhalde ist jetzt 35 Jahre alt. Was hat sich in dieser Zeit alles verändert?
1990 wurde im Haus zur Grünhalde im Zuge der entstandenen offenen Drogenszene in St.Gallen eine Notschlafstelle eingerichtet. Es war eine von vielen Massnahmen, die damals ergriffen wurden. Zu Beginn befand sich im obersten Stock noch eine Wohnung, die nicht zur Notunterkunft gehörte. Die Wohnung wurde nach einigen Jahren allerdings frei und die Notschlafstelle konnte Ende der 90er Jahre um einen zusätzlichen Stock erweitert werden. Heute gibt es neben der Notschlafstelle für Menschen, die akut und nur für kurze Zeit einen Schlafplatz benötigen, auch eine betreute Wohngruppe im Haus, für Leute, die stabilisiert werden konnten und mittel- bis langfristig bleiben. Letztes Jahr haben wir zudem unser Konzept überarbeitet. Wir kommen wieder auf ein Angebot zurück, welches schon vor 20 Jahren existiert hat, zwischenzeitlich aber kaum noch beansprucht wurde: Die Wohnbegleitung. Ziel ist es, stärker auch wieder präventiv tätig zu sein und zu verhindern, dass die Leute ihre Wohnung verlieren - ähnlich, wie das die Stiftung Suchthilfe mit dem Projekt «Plan W» im vergangenen Jahr gemacht hat. Zudem wollen wir die Leute begleiten, wenn sie wieder wohnfähig sind. Dazu stellen wir Wohnungen zur Verfügung und bieten psychosoziale Begleitung an.
Welche Bedeutung hat das Haus zur Grünhalde für die Stadt St.Gallen allgemein und in der aktuellen Situation im speziellen?
Für die Sozialen Dienste der Stadt St.Gallen ist dieser Standort hier von zentraler Bedeutung. Es ist sehr wichtig, dass wir eine Notschlafstelle sowie eine betreute Wohngruppe haben. Optionen, auf die wir im Notfall zurückkommen können, waren in den letzten 35 Jahren für die Stadt St.Gallen immer sehr wichtig. Wir stellen aber fest, dass sich in den letzten Jahren doch einiges verändert hat. So hat sich zum Beispiel das Konsumverhalten der Obdachlosen verändert. Spezifisch geht es hier um den Konsum von Crack, welcher sich zum Beispiel in einer zunehmenden körperlichen Verwahrlosung und auch in auffälligem und teilweise aggressivem Verhalten äussert. Dies wirkt sich auch auf die Wohnfähigkeit dieser Leute aus, weshalb wir im Haus zur Grünhalde – einer suchttoleranten Unterkunft, die den Konsum von Drogen unter beobachtung bestimmter Vorgaben zulässt – vermehrt Personen beherbergen, welche nicht nur suchtkrank sind sondern an einer zusätzlichen akuten psychischen Erkrankung leiden. Zudem ist auffällig, dass wir in den vergangenen Jahren eine starke Zunahme an Frauen hatten, die eine Unterkunft für Obdachlose in Anspruch nehmen.
In der Vergangenheit war es oft so, dass Obdachlosenunterkünfte vor allem im Winter ausgelastet waren, im Sommer eher weniger. Das Haus zur Grünhalde ist jetzt schon bis auf das letzte Bett gefüllt. Gibt es dafür eine Erklärung?
Ja, es stimmt. Früher war es so, dass die Unterkunft bei gutem Wetter weniger gefüllt war. Diese saisonalen Schwankungen haben wir in den letzten drei Jahren im Haus zur Grünhalde aber nicht mehr beobachtet. Das Haus war zwar nicht das ganze Jahr voll ausgelastet, aber die Schwankungen waren nicht mehr so stark vom Wetter abhängig. Grundsätzlich hatten wir aber das ganze Jahr durch eine sehr hohe Auslastung. Wir steuern auf ein Spitzenjahr zu. In der Stadt St.Gallen gibt es neben dem Haus zur Grünhalde auch noch den Verein EndlessLife. Dieser betreibt im Winterhalbjahr ebenfalls eine Notschlafstelle. Das Angebot ist im Winter also auch grösser als im Sommer.
Was muss ihrer Ansicht nach passieren, damit sich die Situation in der Stadt St.Gallen langfristig wieder verbessert?
Die Wohnungs- und Obdachlosigkeit in der Stadt St.Gallen wird auch in den nächsten Jahren ein akutes Problem bleiben. Wir haben daher schon im letzten Jahr mit den Vorarbeiten für das Konzept «Wohnen», bei dem es um ganzheitliche Ansätze gehen soll, gestartet. Wir wollen herausfinden, welche Wohnungen wir benötigen und was konkret unsere Zielgruppe ist. Wir müssen mehr präventive Massnahmen ergreifen und nach Möglichkeit die Wohnverhältnisse der Leute versuchen zu erhalten. Klar ist aber auch, dass es ein Haus wie das in der Grünhalde in der Stadt St.Gallen auch noch für weitere 35 Jahre brauchen wird.
Interview von Selim Jung
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