Sarah-Louisa Rohrer
ist Miss Universe Switzerland Kandidatin.
Adrian Krucker im alten Brauhaus, in dem die Produktion jetzt ausläuft. tb
In wenigen Monaten wird nach 167 Jahren das zumindest vorerst letzte Bier in der altehrwürdigen Brauerei Stadtbühl produziert. Das «Stadtbühler» verschwindet deswegen aber nicht. Es wird neu in der Brauerei Locher in Appenzell und in der Brauerei Freihof in Gossau produziert.
Herisauerstrasse 49 «Der Produktionsstandort Stadtbühler wird eingewintert. Wir lagern die Produktion aus», erklärt Adrian Krucker, der mit seinem Bruder Christian den Betrieb in der sechsten Generation leitet. Um Gerüchten vorzubeugen, schiebt Krucker gleich nach: «Wir sind nicht aufgekauft worden und wollen auch nicht verkaufen.» Dass man die Produktion auslagert, erklärt Krucker mit dem Rückgang des Bierabsatzes sowie den anstehenden Investitionen in die alte Produktionsanlage. «2024 war ein schlechtes Bierjahr und in der Branche hoffte man, die Talsohle sei nun erreicht. Doch im ersten Quartal dieses Jahres fiel der Bierabsatz in der Schweiz um weitere 12 Prozent», erzählt Krucker. Er erklärt sich den Rückgang mit dem erhöhten Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung und dem Beizensterben. Dabei ist Krucker wenig optimistisch, was die Entwicklung des Bierabsatzes angeht. «Persönlich bin ich überzeugt, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist. Der Trend geht eindeutig hin zu gesunden Produkten. Und die Beizen werden weiter sterben. Wenn die jetzige Wirte-Generation in Pension geht, werden viele Betriebe eingehen.» Die jungen Leute würden nicht mehr in Beizen gehen, um Bier zu trinken. «Und das kommt auch nicht wieder», schätzt Krucker.
Bei sinkendem Bierkonsum entstünden in der Branche Überkapazitäten und diese seien in einem «Rappengeschäft», in dem die Anlagen hohe Fixkosten auslösen, fatal. Die meisten Produzenten suchten nach zusätzlichen Hektolitern, um die Produktion auszulasten. «Wir betreiben hier einen Oldtimer und sind die letzte Brauerei in der Schweiz, in der noch von Hand und nicht automatisiert gebraut wird», erzählt Krucker. Wenn man diese Anlage aber längerfristig weiterbetreiben wolle, stünden Investitionen von rund 1,7 Millionen Franken an. «So viel Geld zu investieren, ist bei einem sinkenden Bierabsatz und bestehenden Überkapazitäten einfach nicht sinnvoll», führt der 44-Jährige aus. Sie hätten ihren Stolz und die Tradition zur Seite legen müssen. «Wir haben bei anderen Brauereien angefragt und mit Locher und Freihof zwei sehr gute Partner gefunden», sagt Krucker. Dank der Kooperation mit Freihof könnten sie zumindest einen Teil des Biers weiterhin in Gossau brauen. Das Lager dunkel wird künftig im Freihof produziert, das Lager hell und das Hammersud in der Brauerei Locher. Braumeister Christian Krucker wird in beiden Brauereien selbst die Stadtbühler-Biere brauen – allerdings nicht mehr von Hand.
«Die Kalkulation wird für uns viel einfacher. Wir haben mit beiden Brauereien einen Fixpreis pro Flasche vereinbart», erzählt Krucker. Für sie entfielen so Zusatzkosten wie beispielsweise die Serviceverträge der Abfüllanlagen. Und vor allem müssen die grossen Investitionen in die eigene Anlage nicht getätigt werden. Sollte der Bierkonsum wieder zunehmen, könne man diese jederzeit wieder in Betrieb nehmen. Sie wird nur eingewintert und kann auch weiterhin besichtigt werden. Verschwinden werden dagegen die kleineren Biersorten von Stadtbühler und auch die alten Schweizer Masse 0,29 und 0,58cl des «Spezli» und des «Fürstenbräu». Die sind an den neuen Standorten technisch nicht mehr umsetzbar. Einzelne Kleinserien von 50 bis 100 Flaschen werde man weiterhin vor Ort brauen. «Aber das sind Kleinstmengen. Für die braucht man keine grossen Tanks und keine Abfüllanlage», erzählt Krucker. Ein Spezial- oder ein Jahrgangsbier werde es aber weiterhin geben.
Auch ansonsten werde für die Kundinnen und Kunden von Stadtbühler alles gleichbleiben. «Das Fenster, an dem Bestellungen entgegengenommen werden, bleibt, die sehr gefragten Brauereiführungen werden ebenso weitergeführt und den Getränkehandel bauen wir weiter aus», so Krucker. Seit 60 Jahren ist die Brauerei Stadtbühl AG als Getränkelieferant tätig, vor neun Jahren wurde der Service mit der Marke durstfrei.ch deutlich ausgebaut. Das sei der richtige Entscheid gewesen. «Wir liefern heute klar mehr Mineralwasser als Bier aus», stellt Krucker fest. Nur eine Hürde müssten sie noch abbauen. «Es gibt immer noch Kundinnen und Kunden, die denken, sie könnten doch nicht bei der Brauerei Stadtbühl Schützengarten oder Appenzeller Bier bestellen. Dabei ist das kein Problem. Wir haben diese Marken schon lange im Angebot und bieten neu auch Sonnenbräu an», erzählt Krucker. Die Freihof-Biere liefert der Getränkeservice ebenfalls schon seit Jahren aus. «Letztlich geht es um eine Ostschweizer Bierkultur, zu deren Erhalt wir gerne beitragen», so Krucker.
Von Tobias Baumann
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