Sarah-Louisa Rohrer
ist Miss Universe Switzerland Kandidatin.
Auch Appenzell Ausserrhoden könnte von PFAS-Belastungen betroffen sein. Jetzt startet die Regierung eine grosse Untersuchungskampagne für Milch und Tränkewasser.
PFAS Kühe und deren Milch haben im Appenzellerland eine zentrale Bedeutung. Sie stehen für traditionelle Milchwirtschaft. Und die Milch ist essenziell für das bekannteste Exportgut der Region – den Käse. Doch mögliche unsichtbare Gifte in der Milch bereiten Sorgen.
PFAS, auch «ewige Chemikalien» genannt, wurden bereits im Kanton St.Gallen gefunden. Erste Proben zeigen, dass auch Appenzell Ausserrhoden betroffen sein könnte. Deshalb greift der Regierungsrat Appenzell Ausserrhoden jetzt durch. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass Lebensmittel aus Ausserrhoden gesund sind», betonte Yves Noël Balmer, Vorsteher des Departements Gesundheit und Soziales, an der Medienkonferenz. Ab Oktober bis März 2026 können alle Bauernhöfe im Kanton ihre Milch und ihr Tränkewasser untersuchen lassen – kostenlos und auf freiwilliger Basis. Regierungsrat Balmer sagt: «Das Ziel ist, dass möglichst viele Betriebe teilnehmen. Je mehr mitmachen, desto umfassender fällt das Bild aus.» Auf die Frage, ob die Freiwilligkeit sinnvoll sei, hat Balmer eine klare Antwort.
«Ich gehe von einer hohen Bereitschaft aus – auch wenn einige Bauern vielleicht nervös sind, ist das Interesse gross, mehr zu erfahren», so Balmer. Bis es vermutlich 2027 vom Bund festgelegte Höchstwerte von PFAS in der Milch gibt, könne nun der Vorsprung genutzt und allenfalls gehandelt werden. Dass der Regierungsrat diesen Versuch startet, ist nicht unbegründet. Fachleute gehen davon aus, dass das Vorderland und das Mittelland belastet sein könnten. Genauer lässt es sich jedoch noch nicht sagen. «Mögliche betroffene Gebiete können derzeit nicht genauer eingegrenzt werden», erklärt Balmer. Die Kampagne soll darüber Klarheit bringen. Man wolle proaktiv handeln und nicht die Augen verschliessen. In Ausserrhoden bestehen rund 580 Landwirtschaftsbetriebe, grösstenteils handelt es sich um Milchbetriebe. Milch lasse sich effizient prüfen, so Christoph Moschet, der baldige Leiter des Interkantonalen Labors. Eine Tankmilchprobe genüge, um die ganze Herde zu kontrollieren. Finden die Labore verdächtige Werte, wird auch das Wasser des Betriebs getestet. Bauern ohne Kühe können ihr Tränkewasser direkt abgeben.
Doch was passiert, wenn ein Hof belastet ist? Balmer sagt: «Werden Verunreinigungen festgestellt, muss der Produzent die Ursache abklären. Gelingt es, sie zu eliminieren, kann sicher weiterproduziert werden. Gelingt es nicht, muss der Produzent Massnahmen treffen, um eine Kontamination zu verhindern.» Was das heisst, ist von Hof zu Hof verschieden – das können Filteranlagen oder Futterumstellungen sein. Da es noch keine gesetzlichen Grenzwerte für Milch gibt, orientiert sich der Kanton an den Richtwerten der EU. Sollte dieser Wert in der Milch oder im Tränkewasser eines Landwirts überschritten sein, geschieht dem Hof aber nichts. «Es ist unmöglich, einen verdächtigen Betrieb sofort für die Produktion zu sperren. Die Betriebe und ihre Tiere benötigen Zeit, damit die getroffenen Massnahmen Wirkung zeigen können.» Ziel sei, den Kreislauf zu brechen und Hinweise zu finden, woher die Belastung kommt. Höfe mit PFAS-Chemikalien werden auch nicht öffentlich genannt. Damit niemand das Vertrauen in Appenzeller Milch verliert, setzt die Regierung auf Transparenz. «Ziel der Untersuchungskampagne ist es, Transparenz zu schaffen und das Vertrauen in die landwirtschaftlichen Produkte zu stärken», betont Balmer. Die Bevölkerung soll informiert werden, sobald die Ergebnisse vorliegen. Öffentlich werden die Resultate einzelner Höfe hingegen nicht. Aus Datenschutzgründen erfahren nur die betroffenen Landwirte, ob ihre Milch oder das Tränkewasser PFAS belastet sind. «Es geht nicht darum, mit dem Finger auf Betriebe zu zeigen – das ist ein nationales, nicht allein ein Ostschweizer Problem», so Balmer. Ausserdem bringe man PFAS erst aus den Produktionen von Produkten, wenn es ein internationales Verbot der Chemikalien gebe. Betroffene Betriebe erhalten eine kostenlose Beratung. Ob Betroffene je nach Massnahmen Entschädigungen erhalten, ist derzeit noch unklar. Ab Frühjahr 2026 will der Kanton zusätzlich mit Bodenproben beginnen – je nach Ausmass der Milchproben etwas früher oder später. Für die Massnahmen ist ein fünfstelliger Betrag im Budget eingestellt. «Wir müssen dem Problem jetzt begegnen, denn wir wollen Verluste in der Landwirtschaft vermeiden. Das schlimmste Szenario wäre ein Verkaufsverbot der Produkte», so Balmer.
Auf unbelastete Milch sind auch die Käseproduzenten angewiesen. Der Appenzeller Käse ist ein zentrales Standbein für die Region. Die Produktion des Käses sichert Arbeitsplätze in den Dorfkäsereien, stützt die lokale Landwirtschaft und prägt die kulturelle Identität des Kantons. Damit verbunden ist auch Verantwortung: Qualität und Sicherheit des Käses sind entscheidend, um das Vertrauen von Konsumentinnen und Konsumenten im In- und Ausland zu erhalten. Und genau deshalb verfolgt man das Ganze bei Appenzeller Käse sehr genau. Pirmin Baumann, Leiter Qualitätsmanagement, betont: «Absolut oberste Priorität hat für uns die Lebensmittelsicherheit. Alle lebensmittelrechtlichen Vorgaben werden laufend in unsere Prüfpläne aufgenommen und umgesetzt.» Mit Blick auf die aktuelle Diskussion erklärt er: «Für PFAS existiert aktuell noch kein Grenzwert. Die Koordination hierzu findet auf Bundesebene statt.» Zur Situation in Appenzell Ausserrhoden sagt Baumann: «Aktuell sind die Kantone daran, den Ist-Zustand zu erfassen. Die Untersuchungsergebnisse des Kantons AR liegen uns allerdings nicht vor, sodass wir dazu keine Stellung nehmen können.» Gleichzeitig verweist er auf die breite Produktionsbasis: «Appenzeller Käse wird in 36 Dorfkäsereien im Herkunftsgebiet in den Kantonen AI/AR sowie Teilen der Kantone SG und TG hergestellt.» Für die Zukunft macht Baumann klar: «Wir beobachten die Entwicklung genau und werden alle erforderlichen Massnahmen ergreifen und umsetzen, die Bund und Kantone anordnen, um die Lebensmittelsicherheit weiterhin jederzeit zu gewährleisten.»
Marino Walser und Stefanie Rohner
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